Die Bedeutung der Brüder Grimm
Brüder Grimm-Museum
Neben einer Dauerausstellung bietet das Brüder Grimm-Museum wechselnde Ausstellungen und die märchenhafte Veranstaltungsreihe "Mittwochs bei Grimms".

Dauerausstellung im Schloß Bellevue
Die Schauräume des Museums befinden sich im historischen Palais Bellevue (1714 von Paul du Ry als Sternwarte für den hessischen Landgrafen Karl erbaut) an der Schönen Aussicht Nr. 2.
Die ständige Ausstellung über Leben und Werk der Brüder Grimm dokumentiert chronologisch fortlaufend ihre wichtigsten Lebensstationen im Zusammenhang ihres wissenschaftlichen und politischen Wirkens.
Im Stil der Zeit ist ein Raum mit Originalmöbeln und anderen Zeugnissen ausgestattet.
Im 3. Geschoss findet sich eine Grimm-Erlebniswelt.
Bedeutendstes und wertvollstes Exponat des Museums ist das Grimmsche Handexemplar der Kinder- und Hausmärchen (2 Bände, 1812/1815), das hinsichtlich der Entstehungsgeschichte der Märchen eine Quelle ersten Ranges darstellt.

Die Brüder Grimm
Die Brüder Jacob (Ludwig Carl: *4.1.1785 Hanau – †20.9.1863 Berlin) und Wilhelm (Carl: *24.2.1786 Hanau – †16.12.1859 Berlin) Grimm entstammen einer alteingesessenen hessischen Familie. Ihre Kindheit und frühe Jugend verlebten die Brüder Grimm zusammen mit weiteren vier Geschwistern im Landstädtchen Steinau an der Straße. Nach dem Tod des Vaters (1796) besuchten sie ab 1798 in Kassel das Lyceum Fridericianum, darauf studierten sie die Rechte an der hessischen Landesuniversität zu Marburg (1802/03 – 1805/06).Während der französischen Okkupation war Jacob Privatbibliothekar des Königs Jérôme Bonaparte und Mitglied des französischen Staatsrates in Kassel. Danach wirkten beide Brüder – Wilhelm seit 1814, Jacob seit 1816 – als Bibliothekare an der Kurfürstlichen Bibliothek zu Kassel. Von 1830 bis 1837 arbeiteten die Brüder Grimm als Bibliothekare und Professoren an der Universität Göttingen, die sie jedoch nach ihrer Teilnahme am Protest der „Göttinger Sieben“ 1837 verlassen mussten. Von 1841 bis zu ihrem Tode wirkten sie als Mitglieder der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1846 und 1847 waren sie maßgeblich beteiligt (Jacob Grimm hatte den Vorsitz inne) an den Germanistenversammlungen in Frankfurt am Main und in Lübeck; 1848 saß Jacob Grimm in der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche.

Die Brüder Grimm gelten als die Begründer der modernen Literarischen Volkskunde sowie der Germanischen Sprach- und Literaturforschungen, sie beeinflussten aber auch die neuere Rechts- und Religionswissenschaft. Mit ihrem Interesse für die literarische und volkstümliche Überlieferung und mit ihrer akribisch vergleichenden, empirischen Arbeitsweise stehen sie am Beginn der historisch-kritischen Philologie des 19. Jahrhunderts und haben über Deutschland hinaus auch der Keltistik, der Romanistik, der Slawistik sowie der Finno-Ugristik wichtige Impulse gegeben.

Im Zentrum Grimm’schen Denkens steht die Vorstellung von der „organischen“ Einheit kulturgeschichtlicher Phänomene. Sowohl in den dichterischen und anderen literarischen Zeugnissen der Vergangenheit als auch in den zum Teil mündlich bis in die Gegenwart tradierten Volksüberlieferungen wird dabei das Fortleben eines „ursprünglichen“ und „wahren“ Mythos gesehen, der nicht nur in der antiken, griechischen und lateinischen Mythologie seine Ausprägung erfuhr, sondern auch in der Dichtung und im Volksglauben der Kelten, Germanen, Slawen und anderer Völker.

Mit ihren 1812 und 1815 zweibändig zu Berlin erstmals erschienenen und inzwischen in über 160 Sprachen und Kulturdialekte aller Erdteile übersetzten „Kinder- und Hausmärchen“ haben Jacob und Wilhelm Grimm Weltruhm erlangt, bis heute der entscheidende Dreh- und Angelpunkt jeder modernen Märchenforschung. Daneben stehen die „Deutschen Sagen“ der Brüder Grimm, die 1816 und 1818 ebenfalls zweibändig zu Berlin erschienen. Zum ersten Mal arbeiten sie systematisch alle ihnen erreichbaren mündlichen und schriftlichen Quellen auf. Unterstützt werden sie von zahlreichen Informanten, die vornehmlich aus Hessen und Westfalen kommen und, wie sie selbst, den gebildeteren Schichten der Gesellschaft entstammen. Allein der „stockhessischen“ Märchenfrau Dorothea Viehmann (1755 – 1815) aus dem nahe Kassel gelegenen Dorf Zwehren haben sie in ihrer Sammlung ein Denkmal gesetzt, da sie ihrem romantisch bestimmten Wunschbild einer "volkstümlichen“ und „ungebildeten“ Erzählerin am meisten nahe zu kommen schien. Nähere Forschungen zur Überlieferungsproblematik der „Kinder- und Hausmärchen“ haben jedoch eine bisweilen starke Abhängigkeit von der romanischen Märchentradition in Italien und Frankreich gezeigt, was u.a. mit der hugenottischen Abstammung der wichtigsten Kasseler Märchenbeiträger erklärt werden kann.

Die von den Grimms ausgewerteten schriftlichen Quellen ihrer Märchen- und Sagensammlungen reichen von der Antike über die altdeutsche und altnordische Dichtung (Hildebrandlied, Merseburger Zaubersprüche, Muspilli, Edda, u.a.) bis zur europäischen Literatur des christlichen Mittelalters. Dabei werden erstmals systematisch neben den eigentlichen Märchen und Sagenquellen auch alte Volkslieder, Volksbücher, Volksrecht, Brauchtum, Aberglaube sowie sprachhistorische u.ä. Fakten (Orts- und Personennamen, Wochentagsnamen u.a.) ausgewertet.

Die Sprach- und literarhistorischen Forschungen und Sammlungen der Brüder Grimm wurzeln tief in der deutschen Romantik, die man als eine literarische, künstlerische und wissenschaftliche Gegenbewegung zur Französischen Revolution begreifen kann. Die Brüder Grimm förderten mit zahlreichen weiteren Gelehrten, sammelnden Dilettanten und Schriftstellern zahlreiche Quellen und Zeugnisse der „germanischen“ und „altdeutschen“ Literatur erstmals zutage. Die Grimm’sche Vorgehensweise ist jedoch zutiefst systematisch und historisch und hat dazu geführt, Sprache und Literatur in ihrem Werden und in ihrer Entwicklung zu begreifen, Kultur und Geschichte in ihrer Bedeutung für die Gegenwart neu zu definieren.

Das Ergebnis ist die Begründung einer „vaterländisch“ genannten deutschen Wissenschaft, der „Germanistik“, der die Grimms auch den Namen gaben. Jacob Grimm legte mit seiner mehrere tausend Seiten umfassenden „Deutschen Grammatik“ (zuerst 1819) den Grundstein für die gesamte neuere germanistische Sprachwissenschaft; beide Brüder begründeten mit ihrem „Deutschen Wörterbuch“, das sie vom Buchstaben „A“ bis zum Wort „Frucht“ noch selbst bearbeiteten, die neuere deutsche Lexikographie. Ihre zahlreichen Editionen und Sammlungen zur alt- und mittelhochdeutschen sowie zu weiteren mittelalterlichen Dichtungstraditionen waren Vorbild für die neuere Editionsphilologie.

Obwohl das „Deutsche“ oder „Germanische“ im Zentrum ihres Schaffens stand, haben sich die Brüder Grimm stets mit den wichtigsten Nachbardisziplinen beschäftigt und sich auch mit den Nationalphilologien anderer Länder und Völker auseinandergesetzt. Sowohl in der keltischen und romanischen Welt als auch in den slawischen, baltischen und finnougrischen Ländern werden sie bis heute hoch geachtet. Vor allem die kleineren Völker Europas beziehen sich in ihrer kulturellen Wiedergeburt und Vielfalt im 19. und 20. Jahrhundert wiederholt auf das historische Konzept eines an Sprache, Dichtung und Geschichte orientierten Selbstverständnisses. Wenn auch der Umfang und die Richtung des Grimm’schen Werkes bisweilen als „romantische“ oder „wilde Philologie“ kritisiert worden sind, bleibende Bedeutung in Deutschland und Europa gewannen Jacob und Wilhelm Grimm durch die identitätsstiftende Funktion ihres Wirkens. Ihre Werke müssen daher immer eingeordnet werden in den gesellschaftlichen und politischen Kontext der Zeit. Sehr wesentlich beigetragen haben die Brüder Grimm zur Herausbildung eines gesamtdeutschen Bewusstseins und zur Begründung einer nationalen Bewegung in Deutschland. Ihr wissenschaftliches Wirken steht daher immer in einer spezifischen Wechselwirkung zu ihrem politischen Handeln. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der Mitwirkung beider Brüder am Protest der „Göttinger Sieben“ gegen den Verfassungsbruch des Hannoverschen Königs 1837, den sie als eine „Protestaktion des Gewissens“ (Dahlmann) verstanden und der sie schlagartig der breiten politischen Öffentlichkeit bekannt werden ließ. Großen persönlichen Anteil nahmen sie schließlich an der ersten Deutschen Nationalversammlung 1848, in der Jacob Grimm als Abgeordneter des rheinpreußischen Wahlkreises Mülheim (Ruhr) eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Sein dort gestellter Antrag zu den „Grundrechten des Deutschen Volkes“ kann gerade nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Integration der europäischen Völker wieder aktuell werden. „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“


Kontakt
Dr. Bernhard Lauer, Brüder Grimm-Museum

HNA_BrüderGrimm_2005-06-22.pdf
FAZ_Grimm-Stiftung_2005-02-21.pdf
http://www.grimms.de
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